Vorindustrieller Effekt: Meeresspiegelanstieg in New Jersey begann sich bereits vor 600 Jahren zu beschleunigen

Immer wieder muss der der Meeresspiegelanstieg als Instrument des Klimaalarms herhalten. In der Hoffnung, dass niemand die Fakten nachprüft, werden von interessierter Seite fleißig Sintflutszenarien in der Bevölkerung und Politik gestreut. Zum Glück gibt es offizielle staatliche Online-Datenbanken, in denen die Basisdaten vorgehalten werden und eine Überprüfung möglich machen. Heute wollen wir über den großen Teich in die USA schauen. Das Land hat mit dem Atlantik, Golf von Mexiko und Pazifik gleich drei lange Küstenstreifen, die es im Auge zu behalten gilt.

Dreh- und Angelpunkt der US-amerikanischen Meeresspiegeldatenbanken ist die NOAA-Webseite ‘Tides & Currents’. Eine gute Übersicht über die Meeresspiegel-Anstiegsraten der Küstenpegel gibt die Unter-Seite “Sea Level Trends“. Hier werden nur Pegel gezeigt, die mindestens 30 Jahre Daten besitzen. Die verschiedenen Raten sind farbcodiert, wobei grüne Farben für Stationen stehen, die dem globalen Durchschnitt von 1,7-1,8 mm pro Jahr entsprechen (Abb. 1). Gelbe, orange und rote Farben zeigen einen stärkeren Anstieg an, blaue Farben stehen für Gegenden mit fallendem Meeresspiegel. Im Begleittext erläutert die NOAA, dass die Abweichungen vom globalen Mittel mit Landhebungen und – senkungen zu tun haben.

 

Abb. 1: Meeresspiegelanstieg an den US-Küsten gemäß Küstenpegelmessungen. Quelle: NOAA.

 

Die NOAA erläutert:

The map of regional mean sea level trends provides an overview of variations in the rates of relative local mean sea level observed at long-term tide stations (based on a minimum of 30 years of data in order to account for long-term sea level variations and reduce errors in computing sea level trends based on monthly mean sea level). The variations in sea level trends seen here primarily reflect differences in rates and sources of vertical land motion. Areas experiencing little-to-no change in mean sea level are illustrated in green, including stations consistent with average global sea level rise rate of 1.7-1.8 mm/yr. These are stations not experiencing significant vertical land motion. Stations illustrated with positive sea level trends (yellow-to-red) are experiencing both global sea level rise, and lowering or sinking of the local land, causing an apparently exaggerated rate of relative sea level rise. Stations illustrated with negative trends (blue-to-purple) are experiencing global sea level rise and a greater vertical rise in the local land, causing an apparent decrease in relative sea level. These rates of relative sea level rise reflect actual observations and must be accounted for in any coastal planning or engineering applications.

Die Karte ist auch in navigierbarer Form verfügbar. Eine Übersicht aller Meeresspiegelraten geordnet nach Regionen gibt es hier. Die Meeresspiegelkurven der einzelnen Pegel können hier angeklickt werden. Larry Hamlin hat in der Datenbank kräftig gestöbert und konnte in den Kurven keinen Hinweis auf eine Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs finden. Ausgestattet mit dieser tollen Online-Datenbank begeben wir uns nun auf einen Streifzug durch die neuere Literatur zu Meeresspiegel in den USA.

Wir beginnen im Nordosten in den Salzmarschen von New Jersey. Cahill und Kollegen rekonstruierten anhand von Foraminiferen und anderen Proxies die Meeresspiegelentwicklung der letzten 2500 Jahre.  Insgesamt stieg der Meeresspiegel stetig an.Der Anstieg selber ist also kein Phänomen der industriellen Phase.Allerdings änderte sich im Lauf der Zeit die Anstiegsrate. Abbildung 2 zeigt den Verlauf. Der Anstieg betrug um 500 v. Chr. lediglich 1  mm/Jahr. Dann beschleunigte er sich stetig und erreichte 250 n.Chr. den doppelten Wert. Zwischen 500-1250 n.Chr. fiel die Rate dann wieder auf 1 mm/Jahr. An 1400 beschleunigte sich der Anstieg dann enorm, lange vor dem CO2-Anstieg. Es ist richtig, heute wird laut Rekonstruktion mit 3 mm/Jahr die stärkste Anstiegsrate verzeichnet. Da aber dieser Trend bereits vor 600 Jahren begann, ist unklar, inwieweit hier eine anthropogene Beeinflussung vorliegt.

Abb. 2: Veränderung der Meeresspiegelanstiegsrate während der vergangenen 2500 Jahre an der Küste New Jerseys.Die y-Achse gibt die Anstiegsrate in mm/Jahr an. Quelle: Cahill et al. 2016

 

Schauen wir nun in der NOAA-Karte auf New Jersey (Abb. 1). Der Staat liegt am Nordrand einer gelben Punktegruppe, die sich bis nach South Carolina herunterzieht.Gelbe Punkte bezeichnen Pegel mit 3-6 mm/Jahr Meeresspiegel-Anstieg, passt also zur Rekonstruktion von Cahill und Kollegen. Laut NOAA liegt hier eine verstärkte Land-Absenkung vor. Es liegt nahe, die beschleunigte Meeresspiegel-Anstiegsrate der letzten 600 Jahre mit einer solchen stärkeren Landabsenkung zu erklären. Die Rolle des Klimawandels ist unklar.

Im März 2017 veröffentlichten Kemp und Kollegen eine ähnliche Studie aus North Carolina. Wieder stechen die letzten Jahrhundert mit einer starken Beschleunigung hervor, ein Trend der in diesem Küstenstreifen aber erst um 1700 beginnt (Abb. 3). Und auch die Steigerung um 250 n.Chr. ist wieder zu erkennen. Eine ähnliche Entwicklung, vermutlich assoziiert mit den gleichen Krustenbewegungen.

Abb. 3: Veränderung der Meeresspiegelanstiegsrate während der vergangenen 3000 Jahre an der Küste North Carolinas. Quelle: Kemp et al. 2017.

 

Gehen wir abschließendan den Südrand der US-Ostküste, nach Florida. Wiederum war dieselbe Arbeitsgruppe um Andrew Kemp fleissig und untersuchte hier die Meeresspiegel-Entwicklung der letzten 8000 Jahre. Die Studie von Hawkes und Kollegen erschien im Juni 2016 in den Quaternary Science Reviews. Wiederum war ein stetiger Anstieg des Meeresspiegels zu beobachten. Allerdings gab es diesmal einen großen Unterschied: Der Meeresspiegelanstieg blieb stets unterhalb von 2 mm/Jahr. Zudem bremste der Meeresspiegelanstieg in den letzten 2000 Jahren spürbar ab (Abb. 4).

Abb. 4: Veränderung der Meeresspiegelanstiegsrate während der vergangenen 8000 Jahre an der Küste Floridas. Quelle: Hawkes et al. 2016.

 

Aus der Pegelkarte der NOAA (Abb. 1) kann man entnehmen, dass in Florida vor allem grüne Punkte vorherrschen, also der aktuelle Meeresspiegelanstieg weitgehend dem globalen Mittel entspricht. Landbewegungen spielen hier offenbar keine große Rolle, mit einigen Ausnahmen wie Miami Beach. Und genau dies spiegelt sich auch in der Meeresspiegelgeschichte Floridas während der letzten 8000 Jahre wider. Die Anstiegsbeschleunigung der letzten drei bis sechs Jahrhunderte findet hier nicht statt, muss also in der Tat ein Effekt der Landabsenkung weiter im Norden sein. Das hatte wohl auch bereits der Senat von North Carolina erkannt, der Rahmstorfs Idee eines klimatisch beschleunigten Meeresspiegelanstiegs eine klare Absage erteilte.

 

 

Meeresspiegelexperten des IPCC erteilen Sintflutszenarien von Anders Levermann (PIK) klare Absage

Klimaalarm à la PIK am 18. Dezember 2016 in der Hamburger Morgenpost (MOPO):

Dramatische Folgen des Klimawandels Forscher: „Hamburg gibt es dann nicht mehr“
Hamburg wird absaufen. Und zwar noch in diesem Jahrhundert, wenn der Treibhausgas-Ausstoß nicht gestoppt wird. Davon ist Klimaforscher Anders Levermann (43) überzeugt. In einem Interview mit „Spiegel Online“ sagte er: „Mit jedem Grad Erderwärmung steigt der Meeresspiegel um mehr als zwei Meter.“ Wenn die Zwei-Grad-Grenze der globalen Erwärmung nicht eingehalten wird, „wird es irgendwann die Norddeutsche Tiefebene nicht mehr geben. Hamburg auch nicht“.

Das vollständige Originalinterview kann man bei SPON für 39 cent lesen, sozusagen Gruselsteuer. Auszug aus dem MOPO-Artikel:

“Levermann ist besorgt. Anfang Dezember lagen die Temperaturen am Nordpol 20 Grad über dem Normalwert. Auch am Südpol wird das Eis instabil. „Die Antarktis ist ein schlafender Riese, der gerade aufwacht“, sagt der Klimaforscher. „Ihr Schmelzwasser kann den Meeresspiegel langfristig um viele Meter erhöhen – nur das Tempo ist noch unklar.“ Zeit bleibe nicht mehr. “

So, so… die Antarktis. Wie gestaltet sich dieses “Aufwachen” bzw. angebliche allmähliche Auftauen? Eine Studie von Jay Zwally und Kollegen 2015 im Journal of Glaciology 2015 dokumentierte, dass das antarktische Inlandeis derzeit anwächst, nicht schmilzt. Das Wachstum soll sogar die nächsten 20 Jahre lang andauern. Danach ist die weitere Entwicklung unklar. Es ist nicht ausgeschlossen, dass zunehmender Schneefall den Eis-Wachstumstrend weiter unterstützen wird. Hier die Kurzfassung der Arbeit:

Mass gains of the Antarctic ice sheet exceed losses
Mass changes of the Antarctic ice sheet impact sea-level rise as climate changes, but recent rates have been uncertain. Ice, Cloud and land Elevation Satellite (ICESat) data (2003–08) show mass gains from snow accumulation exceeded discharge losses by 82 ± 25 Gt a–1, reducing global sea-level rise by 0.23 mm a–1. European Remote-sensing Satellite (ERS) data (1992–2001) give a similar gain of 112 ± 61 Gt a–1. Gains of 136 Gt a–1 in East Antarctica (EA) and 72 Gt a–1 in four drainage systems (WA2) in West Antarctic (WA) exceed losses of 97 Gt a–1 from three coastal drainage systems (WA1) and 29 Gt a–1 from the Antarctic Peninsula (AP). EA dynamic thickening of 147 Gt a–1 is a continuing response to increased accumulation (>50%) since the early Holocene. Recent accumulation loss of 11 Gt a–1 in EA indicates thickening is not from contemporaneous snowfall increases. Similarly, the WA2 gain is mainly (60 Gt a–1) dynamic thickening. In WA1 and the AP, increased losses of 66 ± 16 Gt a–1 from increased dynamic thinning from accelerating glaciers are 50% offset by greater WA snowfall. The decadal increase in dynamic thinning in WA1 and the AP is approximately one-third of the long-term dynamic thickening in EA and WA2, which should buffer additional dynamic thinning for decades.

Aus dem Text:

“If dynamic thinning continues to increase at the same rate of 4 Gt a–2 with no offset from further increases in snowfall, the positive balance of the AIS will decrease from the recent 82 Gt a–1 to zero in 20 years. However, compensating increases in snowfall with climate warming may also be expected (Gregory and Huybrechts, 2006;Winkelmann and others, 2012).”

Wie kommt Levermann auf seine abstrusen Thesen? Gelten in Potsdam vielleicht andere naturwissenschaftliche Gesetze, herrscht dort ein geistiges Sonderklima? Die neue Fakenews-Stelle der Bundesregierung wird den Potsdamern in Zukunft etwas genauer auf die Finger schauen müssen.

Konzentrieren wir uns lieber auf die harten Fakten, die Ole Humlum auf Climate4You zusammengetragen hat (siehe auch globale Meeresspiegelkurven auf der NASA-Webseite und AVISO). Laut Satellitenmessungen steigt der Meeresspiegel um 3,4 mm pro Jahr an.

Abbildung: Meeresspiegelanstieg seit 1992 laut Satellitenmessungen. Graphik: Climate4You.

 

Die Auswertung der Küstenpegelmessungen hingegen ergibt lediglich einen Anstieg von 2,1 mm pro Jahr. Der Grund ist ein künstlicher Streckfaktor, mit dem die Satellitenwerte erhöht werden. Die NOAA ermittelt auf Basis von Küstenpegeldaten einen globalen Meeresspiegelanstoeg von 1,7-1,8 mm pro Jahr.

Abbildung: Meeresspiegelanstieg seit 1992 laut Küstenpegelmessungen. Graphik: Climate4You.

 

Eine spürbare Beschleunigung des Meeresspiegelanstiegs ist in den Daten nicht zu erkennen, wenn man von den kurzmaßstäblichen Zyklen einmal absieht. Zum gleichen Ergebnis kommen auch Auswertungen von Albert Parker und Jan Kjetil Andersen. Eine Studie von Ocana et al. 2016 hält es zudem für möglich, dass natürliche interne Klimavariabilität als extern gesteuerter Klimatrend fehlgedeutet wurde.

Ein Forscherteam um Hans Visser ging im Juni 2015 im Journal of Geophysical Research der Frage nach, ob sich der Meeresspiegel in den letzten 100 Jahren nun beschleunigt hat oder nicht. Das Resultat lässt aufhorchen: Die Sichtweise hängt stark von der verwendeten statistischen Methode, Datenunsicherheiten sowie der Behandlung natürlicher Schwankungen ab:

A review of trend models applied to sea level data with reference to the “acceleration-deceleration debate”
Global sea levels have been rising through the past century and are projected to rise at an accelerated rate throughout the 21st century. This has motivated a number of authors to search for already existing accelerations in observations, which would be, if present, vital for coastal protection planning purposes. No scientific consensus has been reached yet as to how a possible acceleration could be separated from intrinsic climate variability in sea level records. This has led to an intensive debate on its existence and, if absent, also on the general validity of current future projections. Here we shed light on the controversial discussion from a methodological point of view. To do so, we provide a comprehensive review of trend methods used in the community so far. This resulted in an overview of 30 methods, each having its individual mathematical formulation, flexibilities, and characteristics. We illustrate that varying trend approaches may lead to contradictory acceleration-deceleration inferences. As for statistics-oriented trend methods, we argue that checks on model assumptions and model selection techniques yield a way out. However, since these selection methods all have implicit assumptions, we show that good modeling practices are of importance too. We conclude at this point that (i) several differently characterized methods should be applied and discussed simultaneously, (ii) uncertainties should be taken into account to prevent biased or wrong conclusions, and (iii) removing internally generated climate variability by incorporating atmospheric or oceanographic information helps to uncover externally forced climate change signals.

Anerkannte Meeresspiegelexperten erteilen den Sintflutszenarien von Anders Levermann eine klare Absage. Eine Forschergruppe um Peter Clark überprüfte im Dezember 2015 die Aussagen des 5. IPCC-Berichts zum Meeresspiegelanstieg. Der Bericht hatte seinerzeit einen Anstieg von etwa einem halben Meter bis 2100 vorhergesagt, mit leichten Unterschieden je nach verwendetem Emissionsszenario. Haben zwei weitere Jahre Forschung die IPCC-Prognose grundlegend verändert? Clark und Kollegen kommen zu einem deutlichen Ergebnis: Nein, die IPCC-Prognose von 2013 gilt weiter unveränderlich. Pech für Levermann und andere klimaaktivistische Kollegen, die der Öffentlichkeit lieber Anstiegsbeträge im Bereich von einem Meter und mehr vorgaukeln. Hier ein Auszug aus der Kurzfassung des Artikels von Clark et al. 2015, der im Fachblatt Current Climate Change Reports erschien:

Recent Progress in Understanding and Projecting Regional and Global Mean Sea Level Change
[...] These new results increase confidence in the AR5 likely range, indicating that there is a greater probability that sea level rise by 2100 will lie in this range with a corresponding decrease in the likelihood of an additional contribution of several tens of centimeters above the likely range. In view of the comparatively limited state of knowledge and understanding of rapid ice sheet dynamics, we continue to think that it is not yet possible to make reliable quantitative estimates of future GMSL rise outside the likely range. Projections of twenty-first century GMSL rise published since the AR5 depend on results from expert elicitation, but we have low confidence in conclusions based on these approaches. New work on regional projections and emergence of the anthropogenic signal suggests that the two commonly predicted features of future regional sea level change (the increasing tilt across the Antarctic Circumpolar Current and the dipole in the North Atlantic) are related to regional changes in wind stress and surface heat flux. Moreover, it is expected that sea level change in response to anthropogenic forcing, particularly in regions of relatively low unforced variability such as the low-latitude Atlantic, will be detectable over most of the ocean by 2040. The east-west contrast of sea level trends in the Pacific observed since the early 1990s cannot be satisfactorily accounted for by climate models, nor yet definitively attributed either to unforced variability or forced climate change.

Eine klare Watsche in Richtung Potsdam und den Versuch, die IPCC-Ergebnisse zu ignorieren und mit eigenfabriziertem Meeresspiegelzauber zu ersetzen. Ein unglaublicher Vorgang, auf den die deutschen Journalisten hereingefallen sind, ja vielleicht hereinfallen wollten.

 

Landgewinn trotz Meeresspiegelanstieg: Küsten haben sich in den vergangenen 30 Jahren um 13.500 Quadratkilometer ins Meer vorgebaut

Am 25. August 2016 gab es in Nature Climate Change ein kleines Wunder zu bestaunen. Eine Forschergruppe um Gennadii Donchyts vom niederländischen Deltares Research Institute veröffentlichte eine Statistik zu Landgewinnen und -verlusten in den Küstenzonen der Erde. Angesichts des steigenden Meeresspiegels war ein gewisser Landverlust zu erwarten. Umso größer die Überraschung, als nun die offiziellen Zahlen präsentiert wurden: Die Küstenzonen sind nicht etwa geschrumpft, sondern es wurden in den vergangenen 30 Jahren sogar 13,565 km2 neu geschaffen. Eine echte Sensation. Die deutsche Presse zog es allerdings leider vor, dazu zu schweigen. Unbequeme Daten, die man der Bevölkerung lieber nicht zumuten wollte. In der Publikation heißt es:

Earth’s surface gained 115,000 km2 of water and 173,000 km2 of land over the past 30 years, including 20,135 km2 of water and 33,700 km2 of land in coastal areas. Here, we analyse the gains and losses through the Deltares Aqua Monitor — an open tool that detects land and water changes around the globe.

Uns interessieren nur die Zahlen aus den Küstenzonen (die anderen Angaben beziehen sich auf Inlandsseen, die weitgehend unabhängig vom Meeresspiegel sind). Die Rechnung ist denkbar einfach:
33.700 km2 Landgewinn MINUS 20.135 km2 Landverlust = 13.565 km2 Netto-Landgewinn.

Ein wenig Angst hatte man im Deltares-Institut vor den Zahlen dann doch. In der Original-Pressemitteilung, sparte man dieses wichtige Resultat einfach aus:

How the earth has changed over the past 30 years

The world has gained 115,000 km2 of water and 173,000 km2 of land over the past 30 years. The Dutch research institute Deltares developed an open tool that analyses satellite data and visualises land and water changes around the globe. The results were published today in Nature Climate Change.

First global-scale tool that shows water and land conversion

The Deltares Aqua Monitor was developed by Gennadii Donchyts, a remote sensing expert at Deltares. It is the first global-scale tool that shows, with a 30-metre resolution, where water has been transformed into land and vice-versa. The Aqua Monitor uses freely available satellite data and Google Earth Engine, a platform for the planetary-scale scientific analysis of geospatial datasets that is now open to the general public. Gennadii Donchyts: “The Aqua Monitor shows that, around the world between 1985 and 2015, about 173 000 km2, an area about the size of Washington State, has been transformed into land. At the same time, an area of 115 000 km2 has been transformed into water. Both documented and undocumented changes due to man-made interventions, natural variability, and climate change have now been revealed.”

Known versus unknown

While many countries report on dam construction, information about more remote or isolated areas has been lacking. In Myanmar, the Global Reservoir and Dams database shows an increase in the water surface between 1985 and 2010 of about 400 km2. Using the Aqua Monitor, we found 1,180 km2 of new surface water during the same period. The damming of the Rimjin River in North Korea close to the border with South Korea resulted in a storage surface of 12.4 km2 that was actually due to the Hwanggang Dam, which was thought to be located 35 km to the east. These unknown reservoirs may have had a severe impact on the displacement of people and on the ecology. These issues still have to be investigated.

Created by nature or humans

The results of the Aqua Monitor show only the compound impact of natural and human change or variability. It is often hard to tell what has caused a change without determining the details of the local water and sediment budget. While changes in meanders in the Brahmaputra delta are clearly natural, the Mondrian-like shapes near Taiji Nai’er lakes in China are clearly man-made.

Big data at everyone’s fingertips

Universally-available analytics for big satellite data may have major implications for monitoring capacity and associated actions. At the very local scale, members of the general public can now make assessments without expert assistance if their houses are threatened by coastal erosion. At the regional scale, a downstream riparian state can conduct year-to-year monitoring to see whether upstream neighbours are establishing new impoundments. Finally, at the planetary scale, global agencies such as the United Nations International Strategy for Disaster Reduction can monitor the appearance of new reservoir storage capacity that may reduce flood hazards.

Jaap Kwadijk, the Deltares scientific director: “This has never been done before. So it is difficult to imagine all the new applications that will be made using this tool. But the tool can be used by everybody and so I am sure multiple applications will emerge in the next few years”.

Die BBC fuhr hier einen transparenteren Kurs und berichtete auch explizit über den Landgewinn an den Küsten:

Coastal areas were also analysed, and to the scientists surprise, coastlines had gained more land – 33,700 sq km (13,000 sq miles) – than they had been lost to water (20,100 sq km or 7,800 sq miles). “We expected that the coast would start to retreat due to sea level rise, but the most surprising thing is that the coasts are growing all over the world,” said Dr Baart. “We’re were able to create more land than sea level rise was taking.”

Wie funktionierts? Jeder Geologe lernt in den ersten Semestern, dass sich Deltas in das Meer vorbauen, wenn die Rate des Sedimenteintrags den Meeresspiegelanstieg übersteigt. Dies scheint also derzeit der Fall zu sein. Der Meeresspiegelanstieg ist zu gering, als dass es hier zu einer weiten Überflutung der Küstenebenen kommen könnte. Das System befindet sich im Zustand der Regression, wobei sich viele Sandküsten derzeit leicht in Richtung Meer vorschieben. Nach Ende der letzten Eiszeit vor 10.000 Jahren sah dies noch anders aus. Damals besaß der Meeresspiegelanstieg ein Vielfaches der heutigen Rate und die Küsten wurden vom Meer überrannt. Man nennt dies im geologischen Fachjargon “Transgression”. Vielleicht sollte man politischen Entscheidungsträgern einen geologischen Grundkurs als Pflicht auferlegen, damit sie sich in der Klimadiskussion besser zurechtfinden.

Zum Online Aqua-Monitor geht es hier. Siehe auch Bericht zur Studie auf watson.ch.

 

Rote Karte für Klimaretter: Wissenschaftler wehrt sich gegen alarmistische Berichterstattung zu seiner Meeresspiegelstudie auf den Salomonen Inseln

Der bekannte Meteorologe Donald Bäcker bietet auf seiner Webseite einen lesenswerten Beitrag zum Klimawandel an. Hier ein Auszug:

Klimaforschung ist unglaublich schwierig und heutzutage nur mit sehr hoher Rechenleistung stemmbar. Bekanntlich ist jedes Modell fehlerbehaftet und so hat sich herausgestellt, dass man nicht nur das Kohlendioxid als “Klimakiller” verantwortlich machen kann. Vor 12 Jahren wurden durch einige Klimaforscher extrem kalte und schneereiche Winter definitiv ausgeschlossen. Auch die angekündigte Versteppung Mitteleuropas zur Sommerzeit läßt auf sich warten – ganz im Gegenteil – wir kämpfen eher mit Hochwasserproblemen. Anhänger der “Sonnenaktivitätstheorie” werden gern von anderen Klimaforschern belächelt und als unseriös bezeichnet. Aber warum muss jemand unseriös sein, der zu einer abweichenden Erkenntnis gekommen ist? Scheinbar wird die Aktivität der Sonne und der kosmischen Strahlung auf die Wolkenbildung unter- und die Wirkung von CO2 deutlich überschätzt. Der Motor des Wetters ist und bleibt die Sonne sowie das Treibhausgas Nummer 1, nämlich der Wasserdampf. Die Konzentration des CO2 in der Luft ist seit dem Jahr 2000 weiter gestiegen, die globale Mitteltemperatur aber um rund 0,2 Grad zurückgegangen! Die Abkühlung ist beachtlich, wenn man bedenkt, dass die Erwärmung seit ca. 1850 “nur” 0,7 bis 0,8 Grad betragen hat! Die Ursache könnte eine deutlich “ruhigere” Sonne sein und lässt statt einer Erwärmung eher eine weitere Abkühlung erwarten, die Mitte dieses Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichen könnte.

—————-

Der Klimaretter ist bekannt dafür, dass er ungeprüft Klimaalarm in seinem Blog übernimmt. Wieso Fakten checken, wenn es doch so klimagruselig schön ist? Am 8. Mai 206 war es wieder soweit:

Schon fünf Salomonen-Inseln versunken
Durch den Klimawandel steigt der Meeresspiegel. Dass kleine Inselstaaten dadurch akut in ihrer Existenz bedroht sind, ist nicht länger etwas, das erst in einigen Jahrzehnten passieren wird. Fünf Inseln der Salomonen im Pazifik sind bereits komplett vom Meer überflutet. Auf sechs weiteren ist die Erosion schon so weit fortgeschritten, dass Häuser im Meer versunken sind. Weitere 21 sind hoher Wellenenergie ausgesetzt, sodass ihnen ein ähnliches Schicksal wahrscheinlich bald bevorsteht. Das ergab eine australische Studie, die im Fachmagazin Environment Research Letters veröffentlicht wurde.

Hartgesottene können hier beim Klimaretter weiterlesen.

Dabei war der Klimaretter natürlich nicht allein. Eine ganze Reihe anderer Postillen bliesen in das gleiche Horn. Die verzerrte und alarmistische Darstellung der Forschungsresultate ging den Autoren der Studie jedoch mächtig auf die Nerven. Sie wandten sich an die Öffentlichkeit und distanzierten sich von den reißerischen Schlagzeilen à la Klimaretter. The Guardian berichtete am 10. Mai 2016:

Headlines ‘exaggerated’ climate link to sinking of Pacific islands
Report’s author says many media outlets have misinterpreted the science by conflating sea-level rise with climate change.
Links between climate change and the sinking of five islands in the Pacific Ocean have been exaggerated, the author of a widely reported new study has said. The report, published on Friday, tracked the shapeshifting of 33 reef islands in the Solomon Islands between 1947 and 2014. It found that five had been washed away completely and six more had been severely eroded. The study blamed the loss on a combination of sea-level rise and high wave energy. Many media outlets, including the Guardian, jumped to the conclusion that the islands were lost to climate change. But this largely misinterprets the science, according to the study’s author, Dr Simon Albert. “All these headlines are certainly pushing things a bit towards the ‘climate change has made islands vanish’ angle. I would prefer slightly more moderate titles that focus on sea-level rise being the driver rather than simply ‘climate change’,” Albert told the Guardian.

Weiterlesen in The Guardian

Auch der Examiner korrigierte das schiefe Bild:

 Sinking Solomon Islands and climate link ‘exaggerated’, admits study’s author
A new study published in Environmental Research Letters shows that some low-lying reef islands in the Solomon Islands are being gobbled up by “extreme events, seawalls and inappropriate development, rather than sea level rise alone.” Despite headlines claiming that man-made climate change has caused five Islands (out of nearly a thousand) to disappear from rising sea levels, a closer inspection of the study reveals the true cause is natural, and the report’s lead author says many of the headlines have been ‘exaggerated’ to ill-effect.

Dr. Simon Albert, the report’s co-author told the Guardian today that numerous media outlets, like the Washington Post and NY Times and Think Progress, have misinterpreted their work by trying to link sea level rise with climate change. According to Albert, the researchers did not study climate change and how it influences shoreline erosion and submersion of certain low-lying islands.

That didn’t stop numerous mainstream media outlets from jumping to the erroneous conclusion that these five sunken islands were further proof of climate change. This completely misconstrues the actual science and what the study really says, Albert said. “The links between climate change and the sinking of five islands in the Pacific Ocean have been exaggerated,” he says.

Weiterlesen im Examiner

Siehe auch Beiträge auf WUWT hier, hier und hier.

 

WWF-Studie: Wattenmeer wächst mit dem Meeresspiegel in die Höhe

Im Vorfeld der Pariser Klimakonferenz schossen Aktivistengruppen aus allen Rohren. Klimagrusel auf allen Kanälen. So machte sich der WWF am 15. Oktober 2015 auf seiner Webseite große Sorgen um das deutsche Wattenmeer:

Wattenmeer vor dem Ertrinken retten
WWF-Studie zur langfristigen Anpassung des Wattenmeeres an den Klimawandel.
Der Meeresspiegel steigt und macht vor dem Wattenmeer nicht halt. Seit 1900 ist der Pegel im Wattenmeer vor Schleswig Holstein durchschnittlich um 1,6 mm pro Jahr gestiegen. Der WWF rechnet damit, dass sich dieser Trend durch den Klimawandel wesentlich beschleunigt. Die steigende See wird das als Nationalpark und Weltnaturerbe geschützte Wattenmeer vor gewaltige Probleme stellen. „Wenn wir in den kommenden Jahrzehnten nicht beginnen, mit regionalen Anpassungsmaßnahmen gegenzusteuern, steht das Wattenmeer vor dem Untergang“, warnt Jannes Fröhlich vom WWF Deutschland. „Riesige Wattflächen würden ständig überflutet, Insel- und Halligufer weggespült und mit dem Meeresspiegel steigt das Sturmflutrisiko.

Aber auch dem WWF ist zum Glück die Funktionsweise des Wattenmeeres bekannt. Das wenig bekannte Watt-Wunder: Das Watt kann unter bestimmten Voraussetzungen nämlich dem Meeresspiegel hinterherwachsen. Der WWF schreibt:

Damit das Wattenmeer nicht ertrinkt, muss es mit dem Meeresspiegel in die Höhe wachsen.“ Damit dies aber noch rechtzeitig erfolgen könne, müsse es laut WWF neben regionalen Maßnahmen zu einem wirksamen Klimaschutz auf globaler Ebene kommen. In einer jetzt vorgelegten WWF-Studie [pdf hier] werden 13 Fallbeispiele von Projekten aus den Niederlanden, England, den USA und anderen Ländern vorgestellt, aus denen sich Möglichkeiten zur Klimaanpassung durch „Wachsen mit dem Meer“ für das Wattenmeer ableiten lassen.

Die wichtigsten Ergebnisse: Besonders an flachen Küsten müssen Wattflächen, Salzwiesen und Inseln erhalten und, falls nicht mehr vorhanden, wiederhergestellt werden. Dadurch lasse sich die Widerstandsfähigkeit der Küste stärken. Durch Erosion abgetragene Sedimente können durch die Aufspülung von Sand aufgefüllt werden, wenn die natürlichen Verhältnisse dies erlauben. Auch eine natürliche Dünenentwicklung nach niederländischem Vorbild trage zur Klimaanpassung bei. Dazu gehöre, dass Sand vom Strand durch die Dünen ins Hinterland wehen dürfe. Dies erhöhe das Land und stärke unbesiedelte Inselbereiche. Salzwiesen, die bei hohen Fluten durch abgelagerte Sedimente in die Höhe wachsen, wirken bei Sturmfluten wie ein Puffer zwischen Land und Meer und sollten, wo möglich, wiederhergestellt werden. Doch welche Maßnahme man auch ergreift, es zeige sich an den Fallbeispielen auch, dass man zu ihrer erfolgreichen Umsetzung ein breites Bündnis zwischen den Betroffenen und eine langfristige Raumplanung brauche. Die besondere Herausforderung im Nationalpark Wattenmeer besteht laut WWF darin, vor allem die Naturkräfte wie Wind und Gezeiten für das „Wachsen mit dem Meer“ zu nutzen und sie dabei möglichst sanft zu unterstützen.

Ermutigend ist in diesem Zusammenhang auch eine neue Arbeit der Duke University, die den Küstenmarschen eine deutlich höhere Widerstandskraft gegen den Meeresspiegelanstieg bescheinigt, als lange angenommen. In einer Pressemitteilung beschrieb die Duke University am 18. Dezember 2015 die wichtigsten Erkenntnisse der Untersuchungen. Überraschenderweise griff keine einzige deutsche Zeitung das Thema auf. Zu viele gute Nachrichten?

Hier die Pressemitteilung:

—————————

Coastal Marshes More Resilient to Sea-Level Rise Than Previously Believed

Increased plant productivity and soil generation help marshes adapt

Accelerating rates of sea-level rise linked to climate change pose a major threat to coastal marshes and the vital carbon capturing they perform. But a new Duke University study finds marshes may be more resilient than previously believed. The research, published this month in the Proceedings of the National Academy of Sciences, shows that the significant boost in marsh plant productivity associated with elevated levels of atmospheric carbon dioxide will allow marshes to trap more sediment and create more organic soil. This, in turn, will result in increased rates of accretion that will allow marshes to keep up with rising sea levels and may increase the thresholds for marsh drowning by up to 60 percent.

Coastal marshes absorb and store large amounts of carbon dioxide from Earth’s atmosphere; they help filter out pollution in coastal waters; provide habitat for wildlife; help protect coastlines from erosion and storm surge; and can store huge amounts of floodwater, reducing the threat of flooding in low-lying coastal areas. “Essentially, we found it’s a self-rising mechanism marshes use to build themselves up,” said Marco Marani, professor of ecohydrology at Duke’s Nicholas School of the Environment and Pratt School of Engineering. “As levels of atmospheric carbon dioxide increase, more CO2 gets taken in by marsh plants. This spurs higher rates of photosynthesis and biomass production, so the plants produce more sediment-trapping growth above ground and generate more organic soil below ground.” The result is that the extent of marsh loss is significantly reduced, even under high rates of sea-level rise.

The study suggests this so-called “CO2 fertilization effect” may also contribute to a stabilizing feedback in the climate system as increased biomass production and organic deposition in marshes sequester larger amounts of carbon dioxide. But there’s an important caveat. “While elevated atmospheric CO2 levels may offset some of the threats facing marshes from sea-level rise, another equally serious threat to marsh survival — sediment starvation — will remain,” said Katherine M. Ratliff, a PhD student at Duke’s Nicholas School, who was lead author of the study.

“Suspended sediments play a fundamental role in marsh survival,” she said. “As more dams are built and as land use and agricultural practices in coastal regions continue to rapidly change, we’re seeing a sharp drop in inorganic sediment delivery to many coastal marshes worldwide. This decrease significantly undercuts the marshes’ ability to build themselves up and keep pace with rising seas.” The new study finds that in sediment-poor marshes, the loss of area might range between 39 percent and 61 percent, even when the offsetting CO2 fertilization effect is accounted for, as the rate of relative sea-level rise increases beyond the initial threshold for marsh drowning.

To conduct their study, the researchers used a spatial model of marsh morphodynamics into which they incorporated recently published observations from field experiments on marsh vegetation response to varying levels of atmospheric carbon dioxide. “While the effect of direct carbon dioxide fertilization has so far been neglected in marsh modeling, our research shows it is central in determining possible marsh survival under the foreseeable range of climatic changes,” Marani said.

PhD student Anna E. Braswell co-authored the study with Ratliff and Marani. Funding came from the National Science Foundation’s Graduate Research Fellowship Program (#DGF1 1106401), and from Duke’s Nicholas School of the Environment and Pratt School of Engineering.

Studie der Universität Siegen zeigt: Einfluss natürlicher Ozeanzyklen auf Änderungen des Meeresspiegels ist größer als gedacht

Pressemitteilung der Universität Siegen vom 29. Juli 2015:

————————————-

Natürliche Meeresspiegel-Schwankungen unterschätzt

Studie der Universität Siegen zeigt: Einfluss natürlicher Ozeanzyklen auf Änderungen des Meeresspiegels ist größer als gedacht.

Wissenschaftler sind sich einig, dass der weltweite mittlere Meeresspiegel seit 1900 um etwa 14 bis 21 Zentimeter gestiegen ist. Bisher wird davon ausgegangen, dass der Großteil dieses Anstieges mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel im Zusammenhang steht. Wie neue Berechnungen eines Teams um den deutschen Wissenschaftler Dr. Sönke Dangendorf vom Forschungsinstitut Wasser und Umwelt (fwu) der Universität Siegen nun zeigen, sind die kausalen Unsicherheiten jedoch viel größer als bisher angenommen. Der Einfluss natürlicher Ozeanzyklen auf Änderungen des Meeresspiegels ist damit größer als gedacht.

„Die bisher publizierten Unsicherheiten über die Ursache des beobachteten Meeresspiegelanstiegs seit 1900 schwanken üblicherweise um 2 bis 3 Zentimeter. Bisher führte man rund 90 Prozent des Anstiegs auf anthropogene Einflüsse zurück, also vom Menschen verursacht. Diese Zahlen basieren auf der Annahme, dass natürlich verursachte Schwankungen im Ozean nicht länger als einige wenige Jahre andauern und damit nur einen sehr geringen Teil des beobachteten Anstiegs erklären können. Die aktuellen Ergebnisse zeigen jedoch, dass die natürlichen Ozeanzyklen sogar über einige Dekaden oder Jahrhunderte andauern können. Damit können wir nun nicht mehr ausschließen, dass natürliche Schwankungen einen Anteil von bis zu ±8 cm zum beobachteten Meeresspiegelanstieg beigetragen haben“, erklärt Dangendorf (Foto). Die Ergebnisse wurden aktuell in der renommierten Fachzeitschrift „Nature Communications“ publiziert.

Der Weltklimarat resümierte im fünften Sachstandsbericht von 2014, dass die Erwärmung des Ozeans sowie abschmelzende Gletscher ungefähr 80 Prozent des beobachteten Meeresspiegelanstiegs seit 1900 erklären. Die Anteile der beiden Eisschilde in Grönland und der Antarktis hingegen sind über diese Zeitspanne immer noch sehr unsicher. Klar ist jedoch, dass weder die Ozeanerwärmung, noch die Gletscherschmelze zu 100 Prozent auf anthropogene Einflüsse zurückgeführt werden können. Eduardo Zorita, Mitautor und Wissenschaftler am Helmholtz Zentrum Geesthacht, führt hierzu aus: „Aus früheren Studien wissen wir, dass ein beträchtlicher Anteil des Gletscher-Beitrags über das vergangene Jahrhundert beispielsweise noch aus der kleinen Eiszeit resultiert und nur rund 50 Prozent mit anthropogenen Faktoren in Verbindung stehen. Auf Grund unzureichender Messdaten ist der menschliche Anteil an der Ozeanerwärmung nur über die vergangenen Dekaden bekannt, in denen er etwa 90 Prozent der gesamten Erwärmung erreichte. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass anthropogene Effekte mehr als 50 bis 60 Prozent über das gesamte 20. Jahrhundert ausgemacht haben, da sich die Treibhausgasemissionen während dieser Zeit signifikant beschleunigt haben.“

Tidepegel, welche die Wasserstände entlang der Küsten messen, sind die Hauptinformationsquelle über vergangene Meeresspiegeländerungen. Ein Problem dieser Pegel ist jedoch, dass diese neben den Effekten der Ozeanerwärmung und Eisschmelze auch regionale windinduzierte Massenumverteilungen messen. Faktisch ist es sogar so, dass diese Schwankungen das Meeresspiegelsignal auf kurzen Zeitskalen dominieren. Dr. Alfred Müller, Mitautor und Professor für Mathematik an der Uni Siegen, argumentiert hierzu: „Die Windsignale maskieren jegliche Langzeitänderungen, nicht nur anthropogene, sondern auch natürliche Ozeanzyklen. Dies hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass man fast den gesamten Meeresspiegelanstieg anthropogenen Einflüssen zugeschrieben hat“.

Die Wissenschaftler wählten nun einen neuen Ansatz, bei dem sie die Einzelkomponenten vom gemessenen Signal separiert analysiert haben. Dies ermöglicht folglich eine genauere Beschreibung der natürlichen Variabilität. „Mit unserer Methodik kommen wir zu dem Schluss, dass der Mindestanteil des anthropogenen Anteils am Meeresspiegelanstieg seit 1900 rund 45 Prozent beträgt. Diese Zahl ist kleiner als bisher vermutet, stimmt allerdings besser mit unabhängigen Studien der Einzelkomponenten (z. B. Ozeanerwärmung, Gletscherschmelze) überein“, fasst Dangendorf zusammen. „Auch wenn die Werte geringer sind als bisher angenommen, ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass ein signifikanter Anteil des Anstiegs auf anthropogene Einflüsse zurückzuführen ist“, sagt Dr. Jürgen Jensen, Mitautor und Professor für Hydromechanik und Wasserbau an der Uni Siegen: „Aus diesem Grund und um Unsicherheiten zukünftiger Projektionen zu minimieren ist es daher eminent wichtig, dass wir die Einzelkomponenten sowie natürliche und anthropogene Faktoren besser verstehen.

Die Veröffentlichung wurde im Rahmen des Projektes OPTEM („Optimierte Extremwertstatistik für hydro-meteorologische Daten“) der internen Förderung für vernetzte Forschungsprojekte der Naturwissenschaftlich-Technischen Fakultät der Universität Siegen erstellt.

Referenz:
Dangendorf, S., Marcos, M., Müller, A., Zorita, E., Riva, R.E.M., Berk, K., Jensen, J. (2015): Detecting anthropogenic footprints in sea level rise, Nature Communications, doi:10.1038/ncomms8849.

————————————-

Siehe auch Beitrag auf Scinexx:

Natürliche Meeresspiegel-Schwankungen unterschätzt?

Einfluss des Menschen auf Änderungen des Meeresspiegels ist niedriger als gedacht

Mehr Einfluss der Natur: Der menschliche Anteil am Anstieg der Meeresspiegel ist geringer als gedacht. Statt bei 80 bis 90 könnte er zwischen 45 und 68 Prozent liegen, wie Forscher ausgerechnet haben. Der Rest sind natürliche Schwankungen.

Weiterlesen auf Scinexx.

Weitere Beiträge in der WAZ und im Standard.

————————————-

Trendsetter: Auf die bedeutende Rolle der Ozeanzyklen hatten wir hier im Blog bereits mehrfach hingewiesen. Es ist schön, dass ihr Einfluss auf den langfristigen Meeresspiegeltrend jetzt in diesem Paper bestätigt wurde.

 

 

Meeresspiegelforschung aktuell: Neues aus der Antarktis

Am 1. September 2014 verbreitete der Deutschlandfunk schlechte Nachrichten aus der Antarktis:

An den Antarktis-Küsten steigt der Meeresspiegel besonders schnell an
Im südlichen Polarmeer sei der Wasserspiegel um acht statt um sechs Zentimeter angestiegen – und damit stärker und schneller als in anderen Regionen der Welt, berichten Forscher der Universität Southampton im Fachblatt “Nature Geoscience” nach der Auswertung von Satelliten-Aufnahmen aus den letzten 19 Jahren. Die Ursache des Wasseranstiegs liege im Abschmelzen des antarktischen Eispanzers sowie von Gletschern. So gelangten jährlich an die 350 Milliarden Tonnen Süßwasser ins Meer. Das Süßwasser schwimme auf dem dichteren Salzwasser und führe so zu regionalen Meeresspiegelerhöhungen: vor allem vor der Westküste der Antarktis und entlang der antarktischen Halbinsel.

In der Antarktis steigt der Meeresspiegel schneller als anderswo. Den Pinguinen ist es vermutlich herzlich egal, und Strandvillen drohen ebenfalls nicht überflutet zu werden. Trotzdem wollen wir noch einmal nachhaken. Wie stellt sich der angeblich so dramatische Meeresspiegelanstieg im globalen Kontext dar? Eine Karte der per Satellit vermessenen Anstiegsraten für die letzten 22 Jahre zeigt in der Tat Küstenabschnitte der Antarktis mit einem schnellen Meeresspiegelanstieg (dunkel rote Bereiche in Abbildung 1). Allerdings gibt es auch antarktische Küstenabschnitte, an denen sich der Meeresspiegel im gleichen Zeitraum abgesenkt hat (blaue Bereiche in Abbildung 1). Davon lesen wir beim Deutschlandfunk seltsamerweise nichts.

Abbildung 1 : Meeresspiegelanstiegsrate für den Zeitraum 1993 bis heute. Quelle : University of Colorado.

 

Wieder einmal wird klar, dass wir es mit einer komplexen Entwicklung zut un haben, in der es starke regionale Unterschiede gibt. Zudem gibt es zeitliche Veränderungen der Anstiegsrate, die im Zusammenhang mit Ozeanzyklen stehen, die im Bereich von 60 Jahren oszillieren. Craig Rye und die Coautoren des besprochenen Artikels in Nature Geoscience haben dankenswerterweise ein Daten-Supplement zu ihrer Arbeit zum download verfügbar gemacht. Abbildung S4 dieses Supplements enthält eine interessante Darstellung der Meeresspiegelentwicklung der Antarktis (Abbildung 2; Trend abgezogen). Schön zu sehen ist eine ausgeprägte zyklische Komponente. Diese muss jedoch zunächst voll verstanden werden, bevor Aussagen zum langfristigen Meeresspiegeltrend in der Antarktis gemacht werden können. Generell ist die Satellitendatenreihe seit 1993 viel zu kurz, um Effekte der Ozeanzyklik zu identifizieren und korrigieren zu können wie eine andere Studie der University of Southampton zeigen konnte (siehe „University of Southampton: Erst 2020-2030 wird man wissen, ob sich der Meeresspiegelanstieg beschleunigt oder nicht“).

 

Abbildung 2: Meeresspiegel-Schwankungen im Südpolarmeer. Langfristiger Anstiegstrend ist von den Daten bereits abgezogen, um die Zyklizität herauszuarbeiten. Quelle: Abbildung S4 im Supplement zu Rye et al. 2014.

 

 

Mit Dank an WUWT. Pressemitteilung der University of Southampton hier. Mit diesem Beitrag beenden wir unsere Artikel-Serie zur aktuellen Meeresspiegelforschung.

 

Marschallinseln im Pazifik besonders vom Klimawandel betroffen? In den letzten 2000 Jahren fiel dort der Meeresspiegel um anderthalb Meter

Am 1. September 2014 informierte das deutsche Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) auf seiner Webseite über eine interessante neue internationale Kooperation:

Bundesumweltministerium stärkt Zusammenarbeit mit Pazifikinseln zum Schutz vor Klimawandel
Ein neues Projekt des Bundesumweltministeriums soll Küstenzonen und Ökosysteme auf Pazifikinseln vor den Folgen des Klimawandels schützen. Die Parlamentarische Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter unterzeichnete das entsprechende Abkommen mit dem Generalsekretär des Sekretariats des Pazifischen Umweltprogramms, David Sheppard. Das Treffen fand im Vorfeld des UN-Gipfels zu “kleinen Inselstaaten” auf Samoa statt. Durch den Anstieg des Meeresspiegels, die Versauerung der Meere und Zunahme von Stürmen sind die Lebensgrundlagen vieler Bewohner der pazifischen Inseln in Gefahr. Das Vorhaben mit dem Titel “Natural Solutions to Climate Change in the Pacific Islands Region” unterstützt ökosystembasierte Maßnahmen zum Schutz von Küstenzonen und lebenswichtigen Ökosystemen auf pazifischen Inseln. […] Die drei Inselstaaten Fidschi, Vanuatu und die Salomonen dienen hierbei als Pilotgebiete. Das Sekretariat des Pazifischen Umweltprogramms wird die dort gesammelten Erfahrungen mit seinen anderen Mitgliedsstaaten teilen, so dass auch andere pazifische Inseln eigene Anpassungsmaßnahmen entwickeln können. Durch die Internationale Klimaschutzinitiative (IKI) fördert das BMUB eine Reihe von Kooperationsprojekten mit “kleinen Inselstaaten” in den Bereichen Klimaschutz, Erhaltung der biologischen Vielfalt und nachhaltige Energieversorgung mit einem Volumen von ca. 120 Millionen Euro. Das Projekt mit dem Pazifischen Umweltprogramm setzt die erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Region bis 2019 fort und ist mit Mitteln im Umfang von fünf Millionen Euro ausgestattet.

Drei Gründe für die Projekte: „Anstieg des Meeresspiegels, die Versauerung der Meere und Zunahme von Stürmen“. Aber sind dies wirklich gute Gründe?

Meeresspiegel: Die Korallenatolle wachsen dem Meeresspiegel hinterher, so wie sie es seit 10.000 Jahren und länger tun. Überflutungsgefahr: Keine.

Versauerung der Meere: Vermutlich weitgehend gefahrlos: Siehe „Back to the roots: Meeresbewohner trotzen der Ozeanversauerung, da sie den abgesenkten pH-Wert bereits aus dem Urozean kennen“ und „Überraschung: Korallen kommen mit der Ozeanversauerung offenbar doch besser zurecht als lange gedacht“.

Stürme: Wohl ein Sturm im Wasserglas. Siehe „Schwerer Wirbelsturm verwüstet Vanuatu. Premierminister sieht es realistisch: “Stürme sind kein neues Phänomen, wir Insulaner leider darunter seit Besiedelung Vanuatus vor 5000 Jahren”“ und „Wer hätte das gedacht: Studien können keine Zunahme der tropischen Wirbelstürme im Indischen und Pazifischen Ozean feststellen“.

Fünf Millionen Euro für fragwürdige Probleme. Vielleicht sollte man das Geld lieber in eine nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung der Inseln stecken.

Euronews machte sich im April 2014 große Sorgen um die Marschallinseln:

Klimawandel: Marshallinseln schon jetzt betroffen
Den Bewohnern der Marshallinseln steht das Wasser sprichwörtlich bis zum Hals. Der Inselstaat im Pazifischen Ozean bekommt die Auswirkungen des weltweiten Klimawandels schon jetzt zu spüren. Starke Stürme mit heftigen Niederschlägen nagen an der Küste. Menschen müssen hilflos zusehen, wie Schutzmauern gegen die Flut im Meer versinken. Tony De Brum, verantwortlicher Minister für Energie und Klimafragen: “Wenn die Welt weitermacht, wie bisher und weiter die Umwelt verpestet, stellt sich nicht mehr die Frage, was in hundert Jahren geschieht. Es geht darum, was uns bereits jetzt widerfährt.” Die Küstenerosion geht mit Riesenschritten voran. Für den kleinen Inselstaat hat das geografische und wirtschaftliche Folgen. Genau davor warnt auch der jüngste Weltklimabericht. Tony De Brum appelliert eindringlich an die internationale Gemeinschaft. “Wir sind wie Kanarienvögel, die unter Tage sterben und dadurch Minenarbeiter vor dem Tod warnen. Wenn der Schaden so groß ist, dass wir diese Inseln räumen müssen, dann ist es auch für die Welt zu spät, sich selbst zu retten.”

Entwicklungspolitik Online schlug im Februar 2014 in die gleiche Kerbe:

Bevor die pazifischen Inseln versinken …
“Als ich jung war, wurde unser Garten noch nicht überflutet – und wir erlebten nicht, wie ein tropischer Sturm nach dem nächsten über die tropischen Inseln fegte.” So hat Tommy Remengesau, der Präsident von Palau, die Auswirkungen des Klimawandels auf seine pazifische Heimat wahrgenommen. Viele Menschen auf den pazifischen Inseln erkennen solch dramatische Veränderungen und warnen die Weltgemeinschaft vor den Folgen eines “weiter so” bei klimaschädlichen Emissionen. Sie fürchten, dass sie oder ihre Kinder ihre Heimat verlassen müssen, weil diese im Meer versinken könnte. Von Frank Kürschner-Pelkmann.
Die Marshallinseln gehören zu den Inselgruppen, die besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Mitte 2013 litten die Bewohner der nördlichen Inseln unter Dürre und Wassermangel, während über den Süden starke Stürme mit heftigen Niederschlägen hinwegzogen. Seriöse Klimawissenschaftler sind sich einig, dass weltweit die Extremwetterereignisse durch die globale Erwärmung verstärkt haben und dieser Prozess sich in den nächsten Jahrzehnten noch beschleunigen wird. In der südpazifischen Region lässt sich studieren, wie sich dies konkret auswirkt. Die Weltregion, die am wenigsten zum globalen Klimawandel beigetragen hat, ist am stärksten von seinen Folgen betroffen. Tony de Brum, Regierungsmitglied der Marshallinseln, berichtete im Juni 2013: “Tausende meiner Mitbürger im Norden sind durstig und hungrig, Tausende von uns hier im Süden werden vom Meerwasser durchnässt.” Viele Inseln und Atolle der Marshallinseln und der Nachbarstaaten sind von einer Erosion der Korallenriffe und der Uferzonen betroffen, und vereinzelt dringt bereits Salzwasser in die kostbaren kleinen unterirdischen Süßwasserlinsen ein, ohne die ein Leben auf den Atollen unmöglich wäre. Wenn der Meeresspiegel im Südpazifik tatsächlich bis 2100 um zwei Meter steigen sollte, wäre dies zum Beispiel für die Bewohner der 500 flachen Atolle des mikronesischen Staaten Palau eine Katastrophe.

Zwei Meter Meeresspiegelanstieg bis 2100? Das sagt nicht einmal der IPCC. Derzeit steigt der Meerespiegel um 2-3 mm pro Jahr, was bis 2100 etwa 21 cm Anstieg ergibt. Die Stürme haben in den letzten Jahren keineswegs zugenommen (siehe Links oben). Und Dürren sind im Pazifik keineswegs ein ganz und gar neues Phänomen, vielmehr gibt es hier eine charakteristische Zyklik, die gerne übersehen wird. Siehe „Überraschung: Feucht- und Trockenphasen wechselten im Südpazifik in vorindustrieller Zeit stets ab“ und „Tropfstein aus Tuvalu birgt Überraschung: Niederschläge im Südpazifik schwankten in vorindustrieller Zeit viel dramatischer als heute“.

Bei all der Jammerei zu den Marschallinseln scheint vielen Schreibern nicht klar zu sein, dass sich der Meeresspiegel auf der Inselgruppe in den letzten 2000 Jahren um einen Meter abgesenkt hat (Abbildung 1). Dies zeigen Forschungsresultate eine Studie von Paul Kench und Kollegen, die im Februar 2014 in den Geophysical Research Letters erschienen ist.

Abbildung 1: Meeresspiegelentwicklung auf den Marschallinseln während der vergangenen 6000 Jahre. Quelle: Kench et al. 2014.

 

Hier die Kurzfassung der Arbeit: (weiterlesen …)

Gute Nachrichten aus dem Pazifik: Meeresspiegel in Kiribati in den letzten 20 Jahren ohne langfristigen Anstieg

In wenigen Monaten treffen sich die Führer der Welt in Paris zu einer neuen Klimakonferenz. Wie jedes Mal geht es auch diesmal um alles, um das Fortbestehen der Menschheit. Solch ein wichtiges Treffen will gut vorbereitet sein. Die Leute müssen bereit sein, wenn harte wirtschaftliche Einschnitte beschlossen werden, die ihren Lebensstandard spürbar absenken werden. Zum Glück können sich die Staaten auf die Presse verlassen. Um die Zeitungen höchstmöglich gleichzuschalten, hat man ein ‘Climate Publishers Network’ (CPN) eingerichtet, das den Medien klimapolitisch geprüfte und korrekte Artikel kostenfrei zur Verfügung stellt. Da wollte das Kalte-Sonne-Blog natürlich gerne teilnehmen und stellte einen Mitgliedsantrag, der jedoch leider unbeantwortet blieb. Schade.

Im Vorjahr war im Warmschreiben für die Lima-Klima-Konferenz so einiges schief gelaufen. So titelte Die Zeit am 30. November 2014:

Klimawandel: Vor dem Untergang
In der Südsee zeigt der Treibhauseffekt schon massive Folgen. Hilft der Klimagipfel?
Aus der Luft betrachtet, ist Tarawa ein Paradies, aber seine Bewohner kämpfen gegen den Untergang. Hier, auf dem Hauptatoll der Inselrepublik Kiribati, spüren sie die Auswirkungen des Klimawandels schon lange. Weltweit lässt er den Meeresspiegel steigen, doch in der tropischen Südsee erhöht sich der Pegel besonders schnell. Die Erosion frisst an den Korallenriffen, das Grundwasser versalzt, Krankheiten breiten sich aus, Sturmfluten wüten immer heftiger. Der größte Teil Kiribatis ist nicht einmal zwei Meter hoch. Stünde Dirk Nowitzki am Strand von Tarawa, er könnte problemlos über das Atoll hinwegschauen – noch. Denn schon in wenigen Jahrzehnten könnte Kiribati zerstört sein.

Die Idee des Untergangs gefiel einem Inselbewohner Kiribatis so gut, dass er auf die Idee kam, einen Asylantrag im Land seiner Träume – Neuseeland – zu stellen. Begründung: Er wäre Klimaflüchtling und bald würde das Meer seine Heimat überfluten. Der Antrag wurde mittlerweile abgelehnt. Vermutlich machte sich der Mann nicht so sehr Sorgen wegen des Klimawandels, sondern es gab vielmehr handfeste wirtschaftliche Gründe für seinen Auswanderungsversuch. Die Mitteldeutsche Zeitung brachte es vor einige Jahren auf den Punkt:

Kiribati – klein, heiß und bitter arm
[…] Danach beträgt die Wirtschaftsleistung der Inselgruppe mit der Weihnachtsinsel Kiritimati derzeit 152 Millionen US-Dollar (knapp 114,7 Millionen Euro). Das entspricht in etwa der Summe, die allein die sechs deutschen Teilnehmer der Champions League und Europa League in der vergangenen Saison bei den Wettbewerben an Prämien kassierten. Das Handelsdefizit Kiribatis gehörte mit 92 Prozent im abgelaufenen Jahr zu den höchsten der Welt.

Der Präsident Kiribatis sonnt sich mittlerweile im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit und ist immer für einen Publicity Stunt gut. So erwarb er letztes Jahr (2014) zu einem stark überhöhten Preis ein Stück Land auf einer Fidji-Insel, auf das die Einwohner Kiribatis im Fall der Fälle flüchten sollen. Klimaretter berichtete am 22. Juni 2014:

Kiribati kauft Land für Klimaflüchtlinge
Anote Tong, der Präsident des Inselstaates Kiribati im Pazifik, hat auf den Fidschi-Inseln Land erworben. Dorthin sollen mehrere Tausend Kiribatier ziehen, wenn ihre Heimat wegen des Klimawandels im Meer untergeht. Doch der Plan sorgt für Verunsicherung und Streit.

Natürlich sind die aktuellen Bewohner der betroffenen Fidji-Insel alles andere als froh über die mögliche bevorstehende Invasion aus Kiribati. Auch auf Kiribati selber ist man entsetzt über den fragwürdigen Landkauf, wie dem guten Klimaretter-Artikel ebenfalls zu entnehmen ist:

Tongs Amtsvorgänger Teburoro Tito hat sämtliche wissenschaftlichen Abhandlungen über die Folgen des Klimawandels für die Atolle gelesen. Er hält den Landkauf für unsinnig. “Die Forscher sagen, unsere Korallenriffe sind gesund und können mit dem Meeresspiegelanstieg Schritt halten. Deshalb gibt es keine Notwendigkeit, Land auf den Fidschi-Inseln oder sonst irgendwo zu kaufen”, sagt Tito und fügt verärgert hinzu: “Wie können wir um ausländische Hilfe bitten, wenn wir unser Geld für so unsinnige Dinge ausgeben?” Auch Paul Kench, ein Geomorphologe an der University of Auckland, findet die Sorgen überzogen. “Wir wissen, dass die gesamte Riffstruktur um zehn bis 15 Millimeter im Jahr wachsen kann – schneller als der erwartete Meeresanstieg”, sagt der Atoll-Experte. “Solange das so ist und der Nachschub an Sand gesichert bleibt, brauchen wir keine Angst zu haben.”

Der Präsident Kiribatis hat offenbar die fundamentalen Grundlagen eines Korallenriffs nicht verstanden. Hat er im Geographie- und Biologie-Unterricht vielleicht gefehlt, als das Thema Korallenriffe durchgenommen wurde? Vielleicht hätte er vor dem Inselkauf auch einmal die Meeresspiegelkurven für Kiribati anschauen sollen. Zu finden ist eine solche in einer Arbeit von Than Aung und Kollegen, die 2009 im Fachblatt „Weather“ der Royal Meteorological Society erschienen ist (Abbildung 1). Ein Anstiegstrend ist nicht zu erkennen. Der höchste Stand des Meeresspiegels wurde vielmehr 1995 erreicht.

Abbildung 1: Meeresspiegelentwicklung Kiribatis 1994-2008. Quelle: Aung et al. 2009.

 

Präsident Tong hätte aber auch die Satellitenkurve des Meeresspiegels für seine Region anschauen können (Abbildung 2). Diese umfasst immerhin die vergangenen 22 Jahre. Auch hier ist kein Trend zu erkennen.

Abbildung 2: Meeresspiegelentwicklung der Region um Kiribati auf Basis von Satellitenmessungen. Quelle: University of Colorado.

 

Der im Klimaretter-Beitrag erwähnte Wissenschaftler Paul Kench leistet vorbildliche Aufklärungsarbeit und steuert dringend benötigte wissenschaftliche Daten zum Thema bei. Im März 2015 erschien ein weiterer Artikel von ihm im Fachblatt Geology zum Funafuti Atoll. Im Bereich dieses Atolls stieg der Meeresspiegel in den letzten 60 Jahren besonders stark an, nämlich mit einer durchschnittlichen Rate von etwa 5 mm pro Jahr. Trotz des Meeresspiegelanstiegs ist keine Insel des Atolls untergegangen, im Gegenteil, viele Inseln haben sich in dieser Zeit sogar vergrößert, wie Analysen der Küstenlinienentwicklung im Rahmen der Studie zeigten. Auch konnten keine Gebiete gefunden werden, in denen größere Erosion herrschen würde. Im Folgenden die Kurzfassung der neuen Arbeit:

Coral islands defy sea-level rise over the past century: Records from a central Pacific atoll
The geological stability and existence of low-lying atoll nations is threatened by sea-level rise and climate change. Funafuti Atoll, in the tropical Pacific Ocean, has experienced some of the highest rates of sea-level rise (5.1 ± 0.7 mm/yr), totaling 0.30 ± 0.04 m over the past 60 yr. We analyzed six time slices of shoreline position over the past 118 yr at 29 islands of Funafuti Atoll to determine their physical response to recent sea-level rise. Despite the magnitude of this rise, no islands have been lost, the majority have enlarged, and there has been a 7.3% increase in net island area over the past century (A.D. 1897–2013). There is no evidence of heightened erosion over the past half-century as sea-level rise accelerated. Reef islands in Funafuti continually adjust their size, shape, and position in response to variations in boundary conditions, including storms, sediment supply, as well as sea level. Results suggest a more optimistic prognosis for the habitability of atoll nations and demonstrate the importance of resolving recent rates and styles of island change to inform adaptation strategies.

Lesenswert in diesem Zusammenhang ist ein Artikel von Ulli Kulke auf Donner + Doria: (weiterlesen …)

Neue Studie der Durham University verweist Rahmstorfs Sintflutszenarien für North Carolina in das Reich der Fabeln

Vor einigen Jahren reiste der Potsdamer Klimaforscher Stefan Rahmstorf durch die Salzwiesen North Carolinas an der Ostküste der USA. Gemeinsam mit einigen Gleichgesinnten wollte er dort das Geheimnis des Meeresspiegels ein und für allemal klären. Und er fand Ungeheuerliches: Aus den Kalkschalen von Einzellern las die Rahmstorf-Gruppe heraus, dass der weltweite Meeresspiegel heute schneller als je zuvor in den letzten zweitausend Jahren ansteigt. Ein großer Tag für die Unterstützer der Klimakatastrophe. Kurz darauf herrschte aber Katerstimmung. Fachkollegen konnten Rahmstorfs Behauptung nicht nachvollziehen. North Carolina eignet sich nämlich gar nicht als Stellvertreter für die weltweite Meeresspiegelentwicklung. Der Meeresspiegel großer Teile der US-Ostküste ist global nicht repräsentativ. Die Anstiegsrate in anderen Teilen der Erde ist viel geringer.

Auch die politische Führung North Carolinas reagierte prompt und entschied, dass die von Rahmstorf vermutete enorme Steigerung des Meeresspiegels selbst für North Carolina nicht plausibel ist und daher in Planungen nicht zu berücksichtigen sei (siehe unseren Blogartikel „Senat von North Carolina erteilt Rahmstorfs beschleunigtem Meeresspiegel eine Absage“). Bereits in den Vorjahren hatte es in Fachkreisen Kritik an den überzogenen Prognosen des Potsdamers gegeben, so zum Beispiel anlässlich einer Analyse einer Arbeit von Vermeer und Rahmstorf aus dem Jahr 2009 auf Climate Sanity.

Die Rahmstorf-Truppe stellte auf stur. Sie blieben bei ihrer fragwürdigen Darstellung und hoffte offenbar, das eine oder andere Paper bei IPCC-freundlichen Journalen unterzubringen. Im Juli 2012 schickten Rahmstorf und Kollegen ein weiteres Manuskript zu den Salzwiesen in North Carolina auf die Reise durch die wissenschaftliche Begutachtung. Das Paper ging jedoch im Kugelhagel der Gutachterkritik schnell unter und schaffte es nicht durch das Reviewsystem (siehe unseren Beitrag „Fachzeitschrift ‘Climate of the Past’ lehnt Meeresspiegel-Manuskript von Rahmstorf-Gruppe ab: Gutachter finden fundamentale Fehler in der Methodik“).

Wie steht es nun wirklich um den Meeresspiegel in North Carolina? Ein Forscherteam um Matthew Brain von der britischen Durham University begab sich erneut in die Salzwiesen, um das Meeresspiegelrätsel zu lösen. Nun liegen die Ergebnisse vor, die im Januar 2015 im Fachblatt Quaternary Research publiziert wurden. Das Resultat des Brain-Teams unterscheidet sich dabei grundlegend von Rahmstorfs Vorstellungen: Laut den neuen Daten stieg der Meeresspiegel in North Carolina seit Ende der Kleinen Eiszeit 1845 um unspektakuläre 1,7 mm pro Jahr an. Dieser Anstieg vollzog sich ab 1900 relativ konstant, ohne Anzeichen für eine weitere Beschleunigung nach der initialen Anlaufphase (Abbildung 1). Hier der Abstract der Studie:

Quantifying the contribution of sediment compaction to late Holocene salt-marsh sea-level reconstructions, North Carolina, USA
Salt-marsh sediments provide accurate and precise reconstructions of late Holocene relative sea-level changes. However, compaction of salt-marsh stratigraphies can cause post-depositional lowering (PDL) of the samples used to reconstruct sea level, creating an estimation of former sea level that is too low and a rate of rise that is too great. We estimated the contribution of compaction to late Holocene sea-level trends reconstructed at Tump Point, North Carolina, USA. We used a geotechnical model that was empirically calibrated by performing tests on surface sediments from modern depositional environments analogous to those encountered in the sediment core. The model generated depth-specific estimates of PDL, allowing samples to be returned to their depositional altitudes. After removing an estimate of land-level change, error-in-variables changepoint analysis of the decompacted and original sea-level reconstructions identified three trends. Compaction did not generate artificial sea-level trends and cannot be invoked as a causal mechanism for the features in the Tump Point record. The maximum relative contribution of compaction to reconstructed sea-level change was 12%. The decompacted sea-level record shows 1.71 mm yr− 1 of rise since AD 1845.

Wenn man sich die Meeresspiegelkurve in Abbildung 1 näher anschaut, fällt auch ein interessanter Abfall des Meeresspiegels im 17. Jahrhundert zur Zeit der Kleinen Eiszeit auf. Dies könnte mit dem verstärkten Eisaufbau in den Polar- und Gletschergebieten während dieser natürlichen Kälteperiode zu tun haben.

 

Abbildung 1: Meeresspiegelentwicklung an der Küste North Carolinas während der vergangenen 1000 Jahre. Quelle: Brain et al. 2015.